Geschichte

40 Jahre St.-Albertus-Magnus-Apothekergilde

Von Dr. Holger Goetzendorff

Als ich diesen Vortrag zum 40-jährigen Jubiläum der Gilde anlässlich unserer Tagung in Würzburg vorbereitete, stellte sich mir die Frage, wie kann man einem Thema gerecht werden, das einen Zeitraum von vier Jahrzehnten umfasst? Was sollte berücksichtigt werden? Was sollte nicht einbezogen werden?

Die Suche nach den Quellen. – Welche Quellen können als Grundlage dienen für ein Gildemitglied, wie ich es bin, das selbst nicht auf den Erlebnissen jener aufbauen kann, die von Anfang an dabei waren. Zu diesem immer kleiner werdenden Kreis gehören auf der einen Seite diejenigen, die als ehrenamtlich tätige Kolleginnen und Kollegen den Aufbau der Gilde initiiert und begleitet haben. Stellvertretend für viele andere sei hier an Ernst Iskenius, Friederike Koch, Albert Leiss und Prälat Dr. Paul Wolff erinnert. Auf der anderen Seite haben diese und andere Gildemitglieder die Mitgliedschaft in der Federation Internationale des Pharmaciens Catholiques (FIPC) vorangetrieben und an den frühen Kongressen der FIPC teilgenommen. Nahmen am Kongress der FIPC 1950 in Rom unter dem Titel „Rechte und Pflichten des Apothekers“ noch keine deutschen Apotheker teil, so waren es zwei Jahre später in Spa erstmals einige wenige Kollegen die „Das Recht des Kranken“ diskutierten. 1954 in Saragossa nahmen bereits 23 deutsche Apothekerinnen und Apotheker an der Veranstaltung „Humanismus und Beruf“ teil. Und schon 1956 fand ein Kongress mit der Fragestellung „Ist der Apothekerberuf als freier Beruf notwendig?“ in Freiburg statt.

Die erste Stunde der Gilde Aus der Teilnahme am Kongress in Spa, Belgien, entwickelte sich der Zusammenschluss katholischer Apotheker in Deutschland – Westdeutschland. Ein Kontakt zu Apothekern in Ostdeutschland bestand zunächst nicht. Aus der Zeit Ende der fünfziger Jahre sind nur zwei Kontaktadressen bekannt. Um so mehr freue ich mich, dass durch die geänderten politischen Verhältnisse dieses Ergebnis anlässlich unserer Tagung in Würzburg durch die Teilnahme von Kollegen aus den neuen Bundesländern übertroffen werden konnte. Zurück zur Gründungsphase der St.-Albertus-Magnus-Apothekergilde: Es lohnt sich, kurz darauf einzugehen, wie ich in den Besitz jener Unterlagen gelangte, die den Grundstein zum Archiv der Gilde legten. Eines Tages rief mich Paul Bröker an und sagte: „Die Unterlagen der Gilde stehen vor meiner Garage. Holen Sie diese Unterlagen ab, bevor es anfängt zu regnen!“ Meinen Einwand, ich befände mich zur Zeit des Anrufes an meinem Arbeitsplatz und davon einmal abgesehen, seien es 140 km bis zu ihm, ließ Paul Bröker nicht gelten: „Sie haben sowieso nichts zu tun!“ Als ich am gleichen Tag in Münster ankam, standen annähernd zwanzig Kisten tatsächlich im Freien. Zitat Bröker: „Der Himmel braucht Gewalt. „

Ein Brief von Albert Leiss und die Folgen

Doch zurück zu den Anfängen der Gilde. Durch die Bekanntmachungen des FIPC-Kongresses in Spa in der Deutschen Apotheker Zeitung angeregt, schrieb Albert Leiss am 10. August 1952 einen Brief an den Generalsekretär der FIPC, Maurice Parat (siehe Kasten). Im August 1953 war es dann endlich so weit: Die Gründung und die Eintragung der Gilde ins Vereinsregister erfolgte. Als erste Mitglieder trieben Ernst Iskenius, der den Vorsitz übernahm, Friederike Koch, Prälat Dr. Paul Wolff, Albert Leiss als Herausgeber der Informationsschrift AlbertusMagnus-Blätter und Lothar Wenzel als Schatzmeister den Aufbau der Gilde voran. Als wichtigste Quellen dieser frühen Jahre liegen uns die frühen Albertus-MagnusBlätter vor und der umfangreiche Schriftwechsel jener Jahre. Es ist unmöglich, die bisher vorliegenden Briefe und Dokumente auch nur zum Teil auszuwerten, aber zwei Beispiele zeigen, daß der Gilde auch junge Apothekerinnen und Apotheker beitraten, deren Gewinnung uns heute so große Schwierigkeiten macht. Dies waren Franz Cammissar aus Biberach und Maria Witte aus Münster, die auch in Würzburg im Mai 1993 zu den Teilnehmern zählten. Es fehlt hier der Platz, um alle Mitglieder, Vorstände und geistliche Beiräte zu erwähnen, die die Gilde seit den frühen fünfziger Jahren begleiteten. In der Geschichte von Verbänden und Vereinen wird ohnehin leider oft nur an die Präsidenten erinnert. Besondere Erwähnung verdient allerdings Heinrich Iskenius, der unter seinem Vater Ernst Iskenius Lothar Wenzel als Schatzmeister folgte. Ich erwähne ihn aber auch deshalb besonders, weil er sich freiwillig für das Amt des Schatzmeisters meldete und auch dieser Brief mir vorliegt.

Will man etwas über die Tätigkeit der Gilde in den letzten 40 Jahren erfahren, so geht kein Weg an den Albertus-Magnus-Blättern vorbei, die seit Oktober 1953 ununterbrochen erschienen sind. Auch der erste Entwurf dieser Zeitschrift befindet sich im Archiv. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Veröffentlichungen zunächst für die Mitglieder der Internationalen Vereinigung Katholischer Apotheker deutscher Sprache bestimmt waren. Die Aufnahme von Inseraten in die Mitteilungen hat sich letztendlich nicht durchgesetzt.

Internationale Kongresse in Deutschland

Zwei Daten sind mit der Geschichte der Gilde untrennbar verbunden: 1956 fand der erste internationale Kongress der FIPC in Freiburg statt, zehn Jahre später die erste nationale Tagung in Würzburg mit dem Thema „Dem Leben dienen“.

Ich hatte mir die Aufgabe gestellt, die Geschichte der Gilde in einem kurzen Vortrag darzustellen. Sie können sich mein Erstaunen vorstellen, als ich mir den letzten Ordner mit Material vornahm und dort die Entwürfe und Texte für eine Broschüre zur Entstehung und Entwicklung der Gilde vorfand. Ein Trost ist mir geblieben: Bei der Erstellung unserer Gildebroschüre vor zwei Jahren lag das bearbeitete Aktenmaterial noch nicht vor.

Gibt es für den Apotheker in der heutigen Gesellschaft eine glaubwürdige Position?

Während der gemeinsamen Konferenz der Katholischen Ärztearbeit Deutschlands und der St.-Albertus-Magnus-Apothekergilde am 30. und 31. Januar 1993 in Maria Laach hielt Apotheker Dr. Bernhard Ball das oben genannte Referat. Unter Einbeziehung der aktuellen wirtschaftlichen Situation nach Inkrafttreten des Gesundheitsstrukturgesetzes stellte Dr. Ball Betrachtungen über das Rollenverständnis des vom christlichen Glauben geprägten Apothekers in den Vordergrund seiner Betrachtungen. In Zeiten kontroverser Diskussionen um Asyldebatte und Pflegeversicherung stellte Dr. Ball fest, dass mit einem noch so dichten Netz sozialer Gesetzgebung des Staates kein bisschen mehr sittliche Verantwortung in die Gesellschaft gebracht werde. Als weiteres Dilemma sah er die Tatsache, dass sich immer mehr Menschen in die Anonymität ihres häuslichen Daseins zu flüchten versuchten. Bei Krankheit, körperlicher und geistig-seelischer Not des Menschen bleibe die staatliche Fürsorge jedoch meist im materiellen Bereich stecken. Gerade die persönliche Zuwendung, so Dr. Ball, solle für die Arbeit der Gilde-Mitglieder von besonderer Bedeutung sein: „Der skizzierte, fast perfekte moderne Sozialstaat ist doch oft so seelenlos, eine bürokratische Anspruchs- und Befriedigungsmaschine! Dem können wir bei recht verstandener Berufsauffassung etwas entgegensetzen. Und gerade darin liegt nach meiner Auffassung die glaubwürdige Position eines Apothekers als Fachmann und Mensch, als Christ schlechthin in unserer Gesellschaft von heute, indem wir wie selbstverständlich fröhlich und souverän täglich danach handeln. Auf den Kunden überträgt sich eine derartige Grundeinstellung, ohne dass wir dies ständig betonen müssten. “ (Der genaue Wortlaut der Rede ist abgedruckt in Renovatio, Heft 2, Juni 1993.)